Die Reptilien Madagaskars

Die Besonderheit der Reptilien Madagaskars ist die hohe Endemismusrate. Über 90 % der in Madagaskar lebenden Geckos, Chamäleons, Echsen, Schlangen, Schildkröten und Krokodile kommen ausschließlich auf der Insel vor.

Die Chamäleons

Weltweit leben ca. 150 Chamäleonarten und über 70 davon sind für Madagaskar endemisch. Bei den Chamäleons sind zwei Gruppen zu unterscheiden: die Baumchamäleons und die Stummelschwanz- oder Bodenchamäleons.

Bei den Chamäleons sind drei Organe speziell ausgebildet: Ihre Augen sind groß und können sich unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen bewegen. So können Chamäleons, ohne sich selbst zu bewegen, die Bewegungen ihrer Beute verfolgen. Ihr Sehfeld umschreibt horizontal 180° und vertikal 90°, den sogenannten Panoramablick. Sie können Bewegungen auf 100 m Entfernung wahrnehmen.

Zudem besitzen Chamäleons eine Schleuderzunge, deren Hervorschnellen über einen Ringmuskel gesteuert wird. Die Beute wird mit den zwei Muskellappen umfasst, die sich am Ende der Zunge befinden. An der Zungenspitze sitzt eine für den Speichelfluss verantwortliche Drüse. Dieser charakteristische Beutefang wird auf der Chamäleonfarm bei Marozevo den Besuchern vorgeführt.

Die Haut kann bei den Chamäleons die Farbe wechseln. Der Farbwechsel ist ein komplexer Prozess, der durch Änderungen der Temperatur, des Lichts, des Gesundheitszustandes und der Stimmung des Tieres beeinflusst wird. Entscheidend ist jedoch das psychische Befinden des Tieres, denn es steuert hauptsächlich die Farbgebung. Ein gesundes Chamäleon zeigt so zum Beispiel eine hellere Farbe. Die Farbe eines Chamäleons ist das Ergebnis des fein abgestimmten Zusammenspiels von Nervensystem und Pigmentzellen. Die Melanophoren sind wegen ihres schwarzen Farbstoffes für eine dunkle Färbung verantwortlich. Weniger Melanophoren verschaffen dem Tier dagegen eine hellere Erscheinung. Die Chromatophoren sind für die Gelb- und Rotfärbungen verantwortlich. Da bei Reptilien die Farbe Blau nicht vorhanden ist, müssen Pigmente das Licht brechen, um diese Farbe zu erreichen. Diese Aufgabe wird von den Guanophoren übernommen.

Alle vier Vegetationszonen der Insel sind die Heimat der ca. 70 rezenten Chamäleonarten Madagaskars.

Die farbprächtigsten Arten sind zweifelslos die Pantherchamäleons. Sie sind ursprünglich in der Region von Sambirano, in Ambanja und Nosy Be beheimatet. Sie gehören der Furcifer-Familie an. Während in Ambanja bei "Furcifer pardalis" die rote Färbung dominiert, herrscht auf Nosy Be die grüne Färbung.

In der Ostregion Madagaskars findet man abhängig von der Seehöhe des Lebensraumes verschiedene Chamäleonarten. Die Art Calumma parsonii lebt in der südlichen Region Madagaskars in den Regenwäldern niedrigerer Höhe. Eine Unterart ,die Calumma parsonii cristifer, findet man im Nationalpark von Andasibe und Umgebung. Sie ist wesentlich kleiner als die Vertreter der Parsonii-Chamäleons des Südostens. Zu den Chamäleons des Ostregenwaldes gehört auch das Kurzhornchamäleon (Calumma brevicornis). Es zählt auch zu den Bewohnern des Regenwaldes niedrigerer Höhe. Kleinere Chamäleons wie Calumma gastrotaenia und Calumma nasutum sieht man fast in allen Regenwäldern. Im Nationalpark Ambre Berg kommt die für diese Gegend endemische Art Calumma ambrensis vor.

Der trockene Westen beherbergt weitere Chamäleongruppen. Die Männchen der Arten Furcifer verrocusus und Furcifer antimena sind durch den stark ausgeprägten Rückenkamm gekennzeichnet. Sie sind Bewohner des Trockengebietes. In der Region von Morondava ist das kleine und aggressive Furcifer labordii anzutreffen. Während einer Nachtwanderung im Nationalpark von Ankarafantsika kann man die Art Furcifer rhinoceratus beobachten.

Das größte Chamäleon der Welt mit einer Gesamtlänge von 70 cm ist Furcifer oustaleti. Es lebt im südlichen Teil des Hochlandes und in der Region von Antsiranana. Sein Merkmal ist sein stark vergrößerter Helm. Bei der Bevölkerung von Antsiranana gilt das Helmchamäleon als fady. Es darf weder berührt noch getötet werden. Aufgrund dieses kulturellen Schutzes ist diese Art an der Nordspitze des Landes ein Kulturfolger geworden.

Im nördlichen Teil des Hochlandes lebt das Teppichchamäleon (Furcifer lateralis). Wegen der Zerstörung ihres Lebensraumes und aufgrund von Wildfängen sind viele zierliche Chamäleonarten wie Furcifer campani, F. minor und F. wilsii vom Aussterben bedroht.

Die Stummelschwanz-Chamäleons gehören zur der für Madagaskar endemischen Gattung Brookesia. Im Ambre Nationalpark und im Lokobe Naturreservat findet man das kleinste Chamäleon der Welt, das Brookesia minima. Mit einer Gesamtlänge von 3 cm lebt dieses Bodenchamäleon am Fuße von großen Brettwurzeln auf einem Raum von nur 1 m².

Die Geckos

Auf Madagaskar leben sowohl tagaktive Geckos als auch nachtaktive Geckos. Tagaktive Geckos gehören der Gattung Phelsuma an. Sie sind für die Madagaskarregion endemisch und gehören zur sogenannten Gondwana-Fauna. Mit ca. 40 Arten gehören sie zu den artenreichsten Gattungen. Aufgrund ihrer hohen Anpassungsfähigkeit sind sie in den verschiedensten Lebensräumen vertreten. Mittlerweile sind viele der in Madagaskar tagaktiven Geckos auch zu Kulturfolgern geworden.

Die nachtaktiven Geckos werden von den für Madagaskar endemischen Gattungen Uroplatus und Paroedura vertreten: Merkmale der Plattschwanzgeckos der Gattung Uroplatus sind ihre für nachtaktive Tiere großen Augen, der dreieckige Kopf und die vielen kleinen Zähne. Sie sind Meister der Tarnung. Sie halten sich in feuchten Waldgebieten auf. Die Gattung Paroedura ist über ganz Madagaskar verbreitet. Unter den 19 bekannten Arten ist die Art Paroedura bastardi die meist verbreitete.

Die Leguane und Echsen

Die Gattungen Oplurus und Chalarodon gehören zu der Familie der Iguanidae. Bis auf eine Art, die auch auf den Komoren heimisch sind, sind alle Mitglieder der Gattung Oplurus für Madagaskar endemisch. Sie sind deshalb als madagassische Leguane zu bezeichnen. Der Nationalpark von Ankarafantsika beherbergt zwei Arten: Oplurus cuveiri und Oplurus cyclurus. Auf den Granitfelsen im Anja Park in Ambalavao kann man die Art Oplurus grandidieri beim Sonnen zusehen. Im Palmarium in Akanin’ny Nofy wurde kürzlich eine Oplurusart entdeckt, deren Bestimmung noch aussteht.

Die Schildechsen sind mit den Gattungen Zonosaurus, Amphiglossus, Trachylepsis und Madascinus vertreten. Mit 73 Arten und einem weiten Verbreitungsraum bilden die vier Gattungen eine der größten Gruppen der Schildechsen Madagaskars.

Die Schlangen

Mit 80 Arten ist die Schlangenfauna Madagaskars verhältnismäßig stark vertreten. Die größte bzw. artenreichste Familie stellen die Nattern (Colubridae) dar. Dagegen eher unbekannt ist die Familie der Typhlopidae, die jedoch mit 13 Arten eine nicht zu unterschätzende Familie bildet. Unter anderem gehört auch die einzige Meeresschlange Madagaskars (Pelamis platura) zu dieser Familie.

Die bekanntesten Schlangen Madagaskars sind die zu den Riesenschlangen zählenden Boas. Während die Madagaskar Baum-Boa (Sanzinia madagascariensis) fast überall vorkommt, sind die zwei anderen Vertreter dieser Familie, Acrantophis madagascariensis und Acrantophis dumerlii, eher selten zu finden. Trotz der Familienzugehörigkeit zu den Riesenschlangen erreichen die Schlangen dieser Art nie mehr als 4 m. Das größte Exemplar, das jemals gefunden wurde, maß 3,5 m. Die beste Möglichkeit ,Schlangen zu beobachten, hat man im Ankarafantsika Nationalpark, Lokobe Naturreservat, Ambre Nationalpark und Marojejy Nationalpark.

Keine einzige Schlange Madagaskars zählt zu den Giftschlangen.

Die Vertreter der Gattung der Trugnattern "Madagascarophis" besitzen zwar am hinteren Teil des Oberkiefers Giftzähne, ihr Gift ist jedoch sehr schwach. Die meist verbreitete Schlangenart Madagaskars gehört zu den Nattern. Bibilava lateralis ist in den verschiedensten Lebensräumen anzutreffen. Sie ist harmlos und nicht aggressiv.

Die Schildkröten

80% der auf Madagaskar heimischen Schildkröten der Familie der Testudinidae sind vom Aussterben bedroht, das heißt von insgesamt 14 Arten sind nur drei nicht bedroht. Die Meeresschildkröten sind mit fünf Arten vertreten, die alle auf der Roten Liste stehen, da sie von der einheimischen Bevölkerung gegessen werden. Von den Süßwasserschildkröten sind die Arten Pelusios castanoides, Pelumedusa subrufa und Pelusios subniger nicht gefährdet. Die beiden erst genannten Arten leben im Nordwesten und Südwesten Madagaskars, während die dritte Art an der Ostküste heimisch ist.

Die bekanntesten Vertreter der Landschildkröten ist die Strahlenschildkröte (Astrochelys radiata) und die akut vom Aussterben bedrohte Schnabelbrustschildkröte (A. yniphora). Die Strahlenschildkröten sind an der Südspitze Madagaskars in den Dornenbusch- und Feigenkakteenwäldern anzutreffen. Die Schnabelbrustschildkröte ist in der Bucht von Baly nordwestlich der Stadt Mahajanga heimisch. Mit Hilfe deutsch-madagassischer Zusammenarbeit wird im Ankarafantsika Nationalpark eine Zuchtstation für bedrohte Schildkröten betrieben.

Die Krokodile

Der alleinige Vertreter der Krokodile Madagaskars ist das Nilkrokodil (Crocodylus niloticus). Wegen seiner begehrten Haut und seines Fleisches wird es häufig gejagt. In freier Wildbahn sieht man deshalb nur sehr selten große Exemplare. Im Norden Madagaskars jedoch sind Krokodile fady und so leben in vielen Seen der Regionen Antsiranana und Nosy Be heilige Krokodile, deren Jagd streng verboten ist. Die einheimische Bevölkerung sieht in ihnen die Reinkarnation ihrer Vorfahren. Dieser Glauben bietet den Krokodilen Schutz.

Autor: Nary Andriarimalala