Die Vögel Madagaskars

Im Vergleich zu den klassischen Vogelbeobachtungsländern zeichnet sich Madagaskar durch eine hohe Endemismusrate der Avifauna aus. Von den 256 registrierten Arten sind über 65% für Madagaskar endemisch. Die beste Zeit für die Beobachtung vieler Vogelarten ist die Brutzeit von September bis Oktober.

Wie der Dodo auf Mauritius starb der Elefantenvogel oder Madagaskarstrauss (Aepyornis maximus) vor einigen Hundert Jahren aus. Der Laufvogel erreichte eine Größe von 3 m und ein Gewicht von 500 kg. Seine Eier wogen zwischen 9 und 12 kg. Im Süden Madagaskars werden noch heute Eischalen gefunden und rekonstruiert und in vielen Souvenirshops zum Kauf angeboten.

Trotz der galoppierenden Waldzerstörung in Madagaskar, wird immer wieder eine neue Vogelart entdeckt. Eine Sensation war im Jahre 2011, die Entdeckung einer neuen Madagaskar Wald-Ralle ( Mentocrex beankaensis) im Trockenwald der Tsingys von Bemaraha durch ein einheimisches und amerikanisches, Forscher-Team.

Fünf Vogelfamilien kommen nur in Madagaskar vor: Die Vanga-Würger, die Couas, die Kurole, die Erdrallen und die Jalas.

Die madagassischen Vanga-Würger sind evolutionär und den Darwinfinken auf Galapagos ähnlich. Die Ausbildung der Schnäbel ist artspezifisch. In den Trockenwäldern des Ankarafantsika Nationalparks und des Kirindy-Waldes sind der Sichelvanga (Falculea palliata) und der Hakenschnabelvanga (Vanga curvirostris) heimisch. Der Korallenvanga (Hypositta corallirostris) und der Schmalschnabelvanga (Xenopirostris xenopirostris) sind zusammen mit dem Elsternvanga fast überall in Madagaskar zu finden. Der Helmvanga (Euryceros prevostii) lebt im Norden Madagaskars, wo er in den Regenwäldern der Masoala und Marojejy Nationalpark heimisch ist.

Die Couas sind auch unter dem Namen Seidenhauben-Kuckuck bekannt. Die Gattung Coua gehört zur Familie der Kuckucke, wenn auch zu einer eigenen Unterfamilie, den Couinae. Der Schweizer Ornithologe Dr. Otto Appert befasste sich intensiv mit dieser endemischen Unterfamilie. Von Bedeutung sind seine einzigartigen Farbaufnahmen der Rachenzeichnung junger Couas. Von den von Dr. Otto Appert verfassten 26 Publikationen über die madagassische Avifauna sind vier der Coua-Gruppe gewidmet. Die Couas haben einen weiträumigen Verbreitungsbereich. Im Trockenwald von Berenty leben zwei Arten: der Riesencoua (Coua gigas) und der Breitschopfcoua (Coua cristata). In den Regenwäldern von Ranomafana, Ambre Berg, Marojejy, Masoala, Mangabe und Andasibe kann der Blaucoua (Coua caerulea) relativ einfach gesichtet werden. Dieser Coua schmückt sich mit glänzend blauen Federn. Er ist der Fressfeind aller Baumchamäleons und Geckos. Das Hauptmerkmal aller Coua-Arten ist der blaue Ring um die Augen. Von den zehn Mitgliedern dieser Gattung ist die Art Coua delalandei schon ausgestorben.

Das Beobachten der Erdracken und Stelzenrallen Madagaskars bieten nicht nur für Ornithologen ein Highlight auf einer Madagaskarreise. Während die Kurzfußstelzenralle (Mesitornis variegata), die Einfarbstelzenralle (Mesitornis unicolor) und die Moniasstelzenralle (Monias benschii) Bewohner der Trockenwälder sind, leben die Schuppenerdracke (Brachypteracias squamiger), die Bindenerdracke (Brachypteracias leptosomus) und die Blaukopferdracke (Atelornis pittoides) in Regenwäldern Madagaskars. Aufgrund ihres hübschen Aussehens ist die Langschwanz-Erdracke (Uratelornis chimaera) der Superstar dieser Gruppe. Ifaty und der Mikea-Wald in der Nähe von Morombe sind ihr regional begrenzter Lebensraum.

Weniger bekannt sind die Jalas, deren Vertreter die Seidenjala (Philepitta castanea), die Gelbbauchjala (Philepitta schlegeli), die Langschnabel-Nektarjala (Neodrepanis coruscans) und die Kurzschnabel-Nektarjala (Neodrepanis hypoxantha) sind. Sie bewohnen vorwiegend den Regenwald.

Die kleine Familie der Kurole gehört des Weiteren zu dieser endemische Gruppe. Dazu zählen der Madagaskar Kurol Leptosomus discolor und sein Cousin Leptosomus mayottensis, der auf Mayotte lebt, wobei die komorische Variante kleiner als die madagassische ist.

Der Hirtenstar (Acridotheres tristis) ist mittlerweile auf Madagaskar zu einer Plage geworden. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er von Indien in den östlichen Regionen Madagaskars eingeführt, um Heuschrecken zu dezimieren. Seither vermehrte sich die sehr anpassungsfähige Art unkontrolliert, sodass sie die einheimischen Vogelarten aufgrund der Futterkonkurrenz stark bedroht.

Zwei Zugvogelarten überwintern auf Madagaskar: Die Zimtracke (Eurystomus glaucurus) und der Rosa Flamingo (Phoenicopterus ruber).

Auch viele Arten an Wasservögeln sind in Madagaskar anzutreffen, wobei der Madagaskar Zwergtaucher (Tachybaptus pelzenii) akut vom Aussterben bedroht ist. Man glaubte bereits ,dass er ausgestorben wäre, vor zwei Jahren jedoch wurde eine kleine Kolonie in der Nähe des Makira-Waldes im Nordosten Madagaskars gesichtet. Bei einer Flussfahrt auf dem Tsiribihina Fluss bekommt man einen Überblick über die Wasservögel Madagaskars. Zu ihnen zählen der Purpurreiher (Ardea purpurea), der Goliathreiher (Ardea goliath) und die Glanzente (Sarkidiornis melanotos), deren Männchen durch einen großen Höcker am Schnabelansatz gekennzeichnet ist.

Die Avifauna Madagaskars umfasst ein Dutzend Greifvogelarten. Dazu gehören unter anderem Falken, Bussarde, Weihen und Seeadler. Der Gelbschnabelschwarzmilan (Milvus aegyptus) ist weit verbreitet und bevorzugt als Aasfresser offene Landschaften. Im Westen Madagaskars, in der Nähe des Kirindy-Waldes und der Tsingys von Bemaraha sowie im Ankarana-Gebirge und Ankarafantsika Nationalpark ist die Madagaskarhöhlenweihe (Polyboroides radiatus) heimisch. Dort, wo Lemuren leben, trifft man auch auf die Lemurenweihe (Aviceda madagascariensis). Entlang der Baobabstraße in Morondava leben in den Baobabs Schieferfalken (Falco concolor). Vom Zentralhochland von Antananarivo bis zum Isalo-Gebirge erstreckt sich der Lebensraum des mit dem europäischen Turmfalken vergleichbaren Madagaskarfalken (Falco newtoni).

Bei einer Nachtwanderung im Berenty-Privatreservat können viele nachtaktive Vogelarten beobachtet werden. Die Nachtschwalbe (Caprimulgus madagascariensis), die Zwergohreule (Otus rutilus) und der Madagaskarkauz (Ninox supercialiaris) zeigen sich fast immer im Trocken- und Didieracaeenwald von Berenty.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts kann sowohl in Europa als auch in Afrika wieder vermehrt der Wiedehopf beobachtet werden. Das Sprichwort „Stinken wie ein Wiedehopf“ ist auf ein Sekret zurückzuführen, mit dem er sich gegen Angreifer schützt, indem er seinen Gegner mit einem Gemisch aus Sekret und Kot bespritzt. Der Wiedehopf bevorzugt offene Landschaften und warmtrockenes Klima.

Außer den Couas leben drei Kuckucksarten auf Madagaskar: der Madagaskarkuckuck (Cuculus rochii), der Dickschnabelkuckuck (Cuculus audeberti) und der Madagaskar -Tulu-Spornkuckuck (Centropus tulu). Die zwei ersten Arten sind Brutschmarotzer und lassen ihre Eier von anderen Vögeln ausbrüten. Diese Lebensweise ist typisch für Kuckucke, wobei jedoch nicht alle Brutschmarotzer sind. Sie ernähren sich vorwiegend von Raupen. Die rotbraune Gefiederfarbe des Madagaskar Tulu-Spornkuckuck weicht von der der anderen Kuckucke stark ab.

Im Gegensatz zu den bunten südamerikanischen Arten zeigen die madagassischen Papageien, die grünen Grauköpfchen (Agapornis cana) ausgenommen, ein graues Gefieder. Auf Madagaskar kommen nur zwei Arten vor: der große Vasapapagei (Coracopsis vasa) und der kleine Vasapapagei (Coracopsis nigra). Sie leben sowohl im Trocken- als auch im Regenwald.

Während einer Wanderung in den madagassischen Nationalparks kann man bei Vögeln oft ein typisches Verhalten beobachten. Als MSF (Mixed Species Flock) bezeichnet, beschreibt es die gemeinsame Nahrungssuche verschiedener Vogelarten. Eine solche Gruppe setzt sich oft aus Schopfdrongos (Dicrurus fortificatus), einigen Vanga-Arten, Paradiesschnäpern (Terpsiphone mutata) und einigen Newtonia-Arten zusammen.

An kleineren Gewässern und in Reisfeldern kann man häufig den Malachit-Eisvogel (Corythornis vintsioides), den afrikanischen Hammerkopf (Scopus umbretta), den Kuhreiher (Bubulcus ibis) und den Silberreiher (Casmerodius albus) beobachten.

Zu den seltensten Vögeln Madagaskars gehören zwei Arten: Die erste Art ist der Madagaskar Zwergfischer (Ispidina madagascariensis), der kleinste Eisvogel. Da er im Primärwald lebt ist seine Zukunft eng mit der des Primärwaldes verbunden. Die zweite Art ist der Madagaskar- Seeadler (Haliaetus vociferoides). Mit ca. 100 Brutpaaren gehört er zu den seltensten Seeadlern der Welt. Man kann ihn an drei Orten auf Madagaskar sehen: am Ravelobe-See im Ankarafantsika Nationalpark, auf den Inseln Mitsio und Sakatia in Nosy Be und am Manambolo Fluss in den Tsingys von Bemaraha.

Für Vogelbeobachtung sind folgende Nationalparks und Naturreservate zu empfehlen: Ankarafantsika Nationalpark, Ranomafana Nationalpark, Dornenwald bei Ifaty, Mantadia Nationalpark, Marojejy und Masoala Nationalpark und Zombitse Nationalpark. Für die Beobachtung von Wasservögeln ist eine Flussfahrt am Tsiribihina Fluss zu empfehlen. Der private Vogelpark von Tsarasaotra in Antananarivo bietet eine weitere gute Möglichkeit zur Vogelbeobachtung.

Autor: Nary Andriarimalala