Das Land der Ahnen

Am Anfang waren die Vazimbas, die Urbevölkerung Madagaskars. Archäologische Funde beweisen ihre Anwesenheit an vielen Orten. Der Hügel von Antananarivo, dort wo heute der Königinpalast steht, war eines der wichtigsten Vazimba-Gebiete Madagaskars. Zu dieser Zeit hieß der Ort Anjalamanga, „wo der blaue Wald ist“. Die Vazimbas erschlossen diesen Ort und bauten dort im 15. Jahrhundert ihre Hütten und einen Palast für ihren König. Bekannte Vazimba-Königinnen wie Rafohy und Rangita bestimmten unumstritten die Geschichte der Merina-Dynastie. Die Könige der Vazimbas von Antananarivo wurden jedoch von Andrianjaka, dem König von Ambohimanga, besiegt und verließen folglich den Hügel Anjalamanga.

„Das Meer ist die Grenze meines Reiches“

Mit diesem Satz wurde die madagassische Nation ins Leben gerufen. Dieser bekannte Satz stammt von dem großen König Andrianampoinimerina (1783-1810). Er war der erste König, der die Vision eines vereinten Madagaskars hatte. Sowohl das alte madagassische Rechtssystem als auch das Steuersystem lassen sich auf seine Regierungszeit zurückführen. Sein Sohn Radama I konnte seine Vision erfüllen. Seit der Herrschaft Radamas I (1810) war Madagaskar ein souveränes Land, das von den Großmächten der Welt anerkannt wurde. Die Ehe Radamas I mit Prinzessin Rasalimo vom Volksstamm der Sakalava war entscheidend für die Vereinigung Madagaskars, denn durch sie wurden die beiden stärksten Reiche des Landes (Merina und Sakalava) verbunden. Radama I war ein aufgeschlossener König, der sein Land modernisieren wollte. Leider verstarb er viel zu früh.

Seine Nachfolgerin Ranavalona I wird von französischen Historikern als die Grausame beschrieben, denn sie verfolgte die zum Christentum bekehrten Madagassen und Ausländer mit größter Brutalität. Von 1845 bis 1853 verbannte sie alle Ausländer von der Insel und verbot per Gesetz den Kontakt sowie den Handel mit dem Ausland. Sieben Jahre lang war es ihr gelungen, eine vom Ausland unabhängige Wirtschaft zu betreiben. Diese Epoche beschreibt die einzige Phase unserer neueren Geschichte, in der das Land tatsächlich politisch und wirtschaftlich unabhängig war. Ihre Nachfolgerin Ranavalona II war in ihrer Einstellung des Christentums jedoch andere Meinung.

Mitte des 19. Jahrhunderts, als Frankreich sich auf die Eroberung Madagaskars vorbereitete, war die madagassische Monarchie von gnadenlosen internen Machtkämpfen bereits geschwächt. Das einzige Ziel des damalige Regierungschefs Rainilaiarivony war die Festigung seiner Position. Dabei vergaß er, die Armee zu modernisieren und aufzurüsten. Die Folgen waren schwerwiegend. Am 30. September 1895 verlor Madagaskar endgültig seine Souveränität und ein schmerzhaftes Kapitel der madagassischen Geschichte begann.

Die Kolonialzeit (1897-1960) beschreibt eine für die Madagassen traumatisierende Epoche. Die Kolonialherren drängten ihnen skrupellos ihre Angleichungspolitik auf. Systematisch zerstörte die Kolonialmacht alles, was die madagassische Identität symbolisierte. Das Christentum wurde zur offiziellen Religion des Landes. Die Ahnenkult wurde für politisch unkorrekt erklärt. Die Gebeine des größten Königs Andrianampoinimerina wurden ausgegraben und nach Antananarivo transportiert. Machtlos und gedemütigt mussten die Madagassen am 14. März 1897 dieses

Sakrileg

geschehen lassen. Für die Madagassen bedeuten die Gebeine der Ahnen das Allerheiligste. Als moralische und ethische Instanz stehen die verstorbenen Könige in der Hierarchie gleich unter dem Gottschöpfer „dem Zanahary“. Während der Feierlichkeiten des „Fitampoha“ baden die Angehörigen des Volksstammes der Sakalavas auch heute noch regelmäßig die königlichen Reliquien im Tsiribihina Fluss. Die verstorbenen Könige werden auch „die Heiligen“ genannt. Mit der Umbettung der königlichen Gebeine war es den Franzosen gelungen, die Ordnung in der madagassischen Lebensanschauung zu zerrütten.

Seit 1991 hat Madagaskar nach 85 Jahren Monarchie, 63 Jahren Kolonialzeit, 15 Jahren Sozialismus (die putschistische Regierung von 2009 ausgenommen) eine demokratische Regierung. Viele Bürger können mit der neuen Errungenschaft, der Demokratie, nichts anfangen. Denn es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob man in einem Land überhaupt von Demokratie sprechen kann, in dem die Analphabetenrate dramatisch hoch ist, in dem der Zugang zu Informationen für die Bürger begrenzt ist und in dem es aufgrund von beeinflussten Medien kaum möglich ist, sich eine objektive Meinung über die Politik und das Leben der Nation zu bilden. Der Mehrheit der Bevölkerung ist es nicht möglich die neuen Regeln der freien Wirtschaft zu erfüllen.

Wie kann Madagaskar unter diesen Bedingungen überleben?

Dank seiner Artenvielfalt gilt Madagaskar als Naturparadies. Seit einigen Jahren erlebt die Welt ein Erwachen des globalen Umweltschutzbewusstseins und das sollte nicht eine Modeerscheinung bleiben. Die weltweite Bereitschaft muss genutzt werden, um tiefgreifendes und nachhaltiges Umweltschutzprojekt zu entwickeln. Die Gründung von Nationalparks sowie die Erklärung des gesamten Regenwaldes im Osten Madagaskars zum Naturerbe der Menschheit sind diesbezüglich ein guter Anfang. Madagaskar hat nur eine Chance auf der internationalen Bühne zu existieren, indem das Land seine Natur und deren Schutz in den Vordergrund stellt.

Was die Kultur betrifft, muss das Land zu seinen Werten zurückkehren, bevor die madagassische Kultur in der Anonymität der globalisierten Welt versinkt. Auf die existenziellen Fragen, woher sie kommen und wohin sie gehen, hatten die madagassischen Ahnen eine faszinierende Antwort. Sie lautete:

das Familiengrab

Es stellt einen lebendigen und sichtbaren Beweis dafür dar, dass man das Leben durch die Aneinanderreihung vieler Generationen von den Ahnen geschenkt bekommen hat. Eine bekannte madagassische Redensart sagt: <

lebendig sind wir in einem Haus, tod sind wir in einem Grab

 

Das Familiengrab ermöglicht das ewige Zusammensein mit den Angehörigen. Der Familienzusammenhalt oder das „Fihavanana“ steht somit im Mittelpunkt der madagassischen Lebensphilosophie. Das Sterben verschafft einem dabei den Status, ein Ahne zu sein, was den Aufstieg in die nächste Instanz bedeutet.

Wer Madagaskar entdecken möchte, wird sich mit den oben erwähnten Aspekten befassen müssen. Eine Madagaskarreise ist nicht nur eine Reise in ein Land einzigartiger und vielfältiger Natur sondern auch eine Reise in ein Land mit lebendiger Geschichte, in

das Land der Ahnen

 

Autor: Nary Andriarimalala