Die Fady

Fady ist das madagassische Wort für "Tabu/tabu". Im einheimischen Sprachgebrauch ist fady zugleich ein Adjektiv und ein Substantiv.

Fadys beruhen auf Anekdoten und Erzählungen, deren Ursprünge in überlieferten Sagen früherer Zeit verborgen liegen. Bei dem im Süden der Insel lebenden Volksstamm Mahafaly ist es z.B. fady, Strahlenschildkröten zu essen. Einmal habe man eine Schildkröte gekocht und als man nach einiger Zeit einen Blick in den Topf geworfen habe, mit großem Schrecken festgestellt, dass das Herz des Tieres noch schlage. So zum Beispiel kann ein Fady entstehen.

Fady geht auch mit der einheimischen Religion Hand in Hand. An heiligen Orten ist Schweinefleisch oft fady.

An mehreren heiligen Stätten von Antananarivo sind Zwiebeln und Salz fady. Im Dorf von Ambohimanga, der Sommerresidenz der damaligen Königinnen von Antananarivo, sind Schweinefleisch und Hühnerfleisch fady.

In der Grotte von Antakarana im Ankarana Nationalpark ist es fady, die Merina-Sprache des Hochlandes zu sprechen. Laut eines einheimischen Glaubens haben Vazimbagräbern magische Kräfte und daher dürfen sie nicht betreten werden. Sollte man dies dennoch tun, muss man es mit dem Leben bezahlen. Diese Orte dürfen nicht entweiht  und die Geister der Ahnen nicht in Unruhe versetzt werden.

Einige Tier- und Pflanzenarten haben ihr Überleben den Fadys zu verdanken. So können Fadys auch zum Umweltschutz beitragen. In der Nähe des Masoala Nationalparks ist es fady, das Parsoni-Chamäleon zu berühren - es bringe Unglück. In der Nordspitze Madagaskars darf man das Oustaleti-Chamäleon weder töten noch berühren. Aus diesem Grund ist diese Art in dieser Region der Insel noch häufig anzutreffen. An den heiligen Seen des Nordens und Nordwestens Madagaskars ist es fady, die dort lebenden Krokodile zu fangen. Während der Regierungszeit des Königs Andrianampoinimerina war es fady, im Wald von Ambohimanga Blätter zu zupfen. Der ganze Wald galt als heilig und deswegen war der Zutritt nur auserwählten Personen erlaubt. In Masoala gibt es ein Verbot, insektenfressende Pflanzen mit in die umliegenden Dörfer zu nehmen, denn dies würde eine Überschwemmung heraufbeschwören.

Eines der seltsamsten Fadys des Landes ist im Volkstamm Antaimbahoaka, bei Mananjary im Südosten Madagaskars zu finden. Dort ist es Müttern bezüglich eines seit Jahren geltenden lokalen Fadys verboten, Zwillinge zu behalten. Die Säuglinge müssen sofort nach der Geburt ausgesetzt werden. Sie brächten sonst Unglück über das Dorf. Da die Zwillingsrate bei Geburten in dieser Region nicht niedriger ist als anderswo, gibt es aufgrund dieses bizarren Fadys in Mananjary eine zunehmende Zahl an Kinderheimen.

Ein Verstoß gegen ein Fady ist mit einer Opfergabe abzubüßen. Es ist regional unterschiedlich, was geopfert werden muss. Die Opfer variieren von Rum über Geflügel bis Zebus. Eine Grabschändung zum Beispiel ist mit einem Zebu zu entschädigen, da Gräber für die Madagassen heilige Stätten sind.

Fadys sind zudem ein Symbol der Stammeszugehörigkeit. Die Antemoros der Südostküste Madagaskars z.B. essen kein Schweinefleisch, was wahrscheinlich in ihrem arabischen Ursprung begründet ist. Die Merinas des Hochlandes von Antananarivo dagegen essen kein Ziegenfleisch. Fadys sind hier eine Art kulturelle Abgrenzung von den anderen Bevölkerungsgruppen. Auch Eheschließungen zwischen zwei Volksstämmen können aufgrund von Unterschieden in den stammestypischen Fadys scheitern.

Fady hat aber auch einen pädagogischen Nutzen: So ist es bei vielen Volksstämmen einfach fady „die Wand zu treten, da sonst die Großmutter sterben würde“. Niemand hat Interesse daran, dass die Großmutter stirbt oder dass das Haus zusammenbricht.

Ein Volk ohne Fady ist für die madagassische Weltanschauung ein untergehendes Volk. Fady spielt eine regulierende Funktion in der madagassischen Gesellschaft. Eine Reise nach Madagaskar ist eine kulturelle Reise durch die Fadys der unterschiedlichen  Bevölkerungsgruppen .

 

Autor: Nary Andriarimalala